Tom Rowley: Sheffield Noir & The Weight of Tape (DE)
West Coast Glamour trifft auf nordenglische Härte – ein Soundtrack für einen Film, der nicht existiert.
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Es ist diese besondere Art, wie Tom Rowley “Vegas in the snow” singt, die es einen spüren lässt. Die nassen Straßen unter Straßenlaternen, den hochgestellten Kragen gegen die Kälte, den Hollywood-Glanz gefiltert durch Sheffielder Nieselregen.
Seine neue Single “El Chapo” bildet da keine Ausnahme, denn sie bewohnt dieselbe Atmosphäre, in der Westküste auf nordische Härte trifft und beide verändert daraus hervorgehen.
Heute erschienen auf allen Plattformen. Aber das ist kein Playlist-Futter, das höflich zwischen Pop-Hits sitzen soll. Es ist ein Track, der verlangt, dass man das Licht ausmacht, bevor man auf Play drückt.
Anfang der Woche sprachen wir über die neue Single, den Songwriting-Prozess und den Einfluss, den acht Jahre voller LA-Besuche auf seine Wahrnehmung von Zuhause hatten.
Rowley war jahrelang der Architekt hinter den Visionen anderer – Milburn mit vierzehn gegründet, mit Reverend and The Makers geschrieben und performt. Co-Writer der Arctic Monkeys, auf Welttournee mit den Händen auf den Tasten eines anderen. Aber es gibt eine Grenze dafür, wie lange man zusehen kann, wie die eigenen Songs den Körper verlassen und mit der Stimme eines anderen zurückkommen.
“It can feel a lot more daunting writing on your own,” sagt er. “There was a lot more demoing and exploring options via recording as you can’t just play something through in a room to see if it works or not.”
Aber Isolation hat ihre eigenen Belohnungen. Als die Songs schließlich in LA auf Band kamen, entwickelten sich die Demos weiter. Loren Humphrey – der Analog-Purist, dessen Fingerabdrücke auf Platten von Florence + The Machine zu finden sind – holte die richtigen Musiker dazu. Die Songs fanden neue Formen. “When it came to tracking the songs for the album though it was a lot more collaborative and the feel of some of the songs changed from original demos.”
Die Textur des Sounds verstehen, nicht nur seine Struktur. Das macht den Unterschied.
SHEFFIELD ALS ANKER
Während der Rest der Industrie Kanten glättet und regionale Stimmen zu etwas feilt, das für Algorithmus-Playlists bekömmlicher ist, bleibt Rowleys Gesang verwurzelt. Sheffield durch und durch.
“I really don’t think I could sing any other way,” sagt er. “Even when I sing other people’s songs I tend to revert back to the Sheffield accent.”
Es ist keine Entscheidung. Es ist der einzige ehrliche Weg. Ungeschliffen und echt.
CHARAKTER UND GESTÄNDNIS
Frühe Tracks wie Tell Me What You Want kamen direkt auf einen zu. Stumpfe Autobiografie. Aber in letzter Zeit arbeitet Rowley in Schatten, baut Welten, in denen das “Ich” nicht immer er ist, auch wenn es das ist.
“There’s a bit of both throughout the album. Songs like Tell Me What You Want, Something Strange and The Struggle are all definitely autobiographical and very on the nose. Whereas songs like Vegas in the Snow, MOR and Rite Time are all still about my experiences but definitely more abstract.”
Der Wolfsmann. Vegas begraben im Schnee. Metaphern, die es erlauben, die Wahrheit seitwärts zu erzählen.
WESTKÜSTE DURCH NÖRDLICHE AUGEN
Acht Jahre voller Reisen nach Los Angeles tun etwas mit einem, besonders wenn man vorher nie einen Fuß nach Amerika gesetzt hat. Die Palmen, das Licht, der ganze Mythos davon – der amerikanische Traum. Aber Rowley schreibt kein California Dreaming – er schreibt, was passiert, wenn man das alles mit nach Yorkshire nimmt und es sich nicht ganz übertragen lässt.
“I’ve spent quite a bit of time in America and particularly LA over the past 8 years and for someone who had never been until then I found it fascinating. The places and people I’ve encountered have therefore made their way into my writing but still from the Sheffield perspective.”
Amerikanisches Licht gebrochen durch englischen Regen. Glamour in Übersetzung.
DER TATORT
Der Song ist auch definiert durch eine Balance zwischen analoger Wärme und lyrischer Kälte. Er evoziert die Atmosphäre eines 70er-Jahre-Crime-Thrillers – stimmungsvoll, visuell, abstrakt und atmosphärisch.
Mit Humphreys “unglaublichem” Schlagzeugspiel als Fundament umgeht die Rhythmussektion komplett das digitale Raster. Es wurde “proper fast” und direkt auf Band gemacht, sodass es immer noch die entspannte Raumklang-Qualität einfängt, einen menschlichen Herzschlag-Beat, der digital einfach nicht repliziert werden kann.
Rowley lehnt sich hier schwer in die Gitarre, verzichtet auf technisches Gefiddle für gezackte, wehklagende Leads, die die lyrische Gewalt spiegeln – “blood on the track” und die “warmth of a gun”. Darunter liefern Vintage-Keys eine zarte, aber unheimliche Kulisse, die für die Noir-Ästhetik des Songs erforderlich ist.
DAS GEWICHT VOM BAND
Fragt man Rowley, woher die Noir-Ästhetik kommt, wird er auf Loren Humphrey und einen Stapel Platten zeigen, die etwas über das Aufnehmen verstanden haben, das im digitalen Zeitalter verloren gegangen ist.
“I was lucky enough to work with Loren Humphrey who is very much of the analog nature and he definitely made me realise those visions.”
Keine Jagd nach moderner Produktion. Keine Besessenheit von Politur. Einfach direkt auf Band, so wie es in den Siebzigern gemacht wurde – unmittelbar, ungeschliffen, präsent. “It was more specific records and the way they were recorded that was more inspiring I believe.” Greifbar, menschlich und ein Prozess, der Überzeugung verlangt statt Korrektur.
“El Chapo” ist jetzt draußen. Keine Kampagne. Nur ein Song, der existieren musste, der endlich seinen Weg aus Garderoben und Demo-Ordnern auf Band gefunden hat.
Wer Lust hat erwischt Tom auf seiner UK Tour im späten Februar und März des Jahres, auf der er seine neuen Singles - natürlich im wahren 70s Stil - präsentieren wird.
- Shelley D. Schwartz
Hör es dir die neue Single hier an:




