Moses and the Drones: Tom Rowley tritt aus dem Schatten
Tom Rowley im Gespräch: Über den Prozess hinter seinem Debütalbum "Moses and the Drones", 70er Jahre Nostalgie und den Austritt aus dem Schatten großer Indie-Acts.
Seit über einem Jahrzehnt bewegt sich Tom Rowley im inneren Zirkel der prägendsten Acts des modernen Indie-Rock. Den meisten ist er als Gitarrist von Milburn oder als festes Mitglied der Live-Besetzung der Arctic Monkeys bekannt. Über zwölf Jahre hinweg hat er als Musiker und gelegentlicher Co-Autor den Sound der Alben Tranquility Base Hotel & Casino sowie The Car subtil mitgestaltet.
Mit seinem Debütalbum Moses and the Drones tritt Rowley nun endgültig ins Rampenlicht. Wir beobachten hier nicht länger einen Musiker, der einen Auftrag erfüllt; wir analysieren ein vollendetes Soloprojekt. Es ist eine Platte, die in analoger Wärme verankert ist – eine bewusste Abkehr von modernen, algorithmusgesteuerten Produktionen.
Der Entstehungsprozess im Alleingang
Der Übergang vom kollaborativen Sideman zum Solokünstler erforderte eine grundlegende Neusortierung von Rowleys kreativer DNA. „Es kann sich viel einschüchternder anfühlen, allein zu schreiben, und der Prozess war völlig anders als die Arbeit im Kollektiv“, gestand er uns gegenüber. „Es gab viel mehr Demo-Aufnahmen und das Ausloten von Optionen im Studio, da man die Songs nicht einfach mit einer Band in einem Raum spielen kann, um zu sehen, ob sie funktionieren.“
Diese anfängliche Isolation wich jedoch während der Produktionsphase einer gemeinsamen, kinetischen Energie. „Als es an die Aufnahmen für das Album ging, war es viel kollaborativer und das Gefühl einiger Songs veränderte sich im Vergleich zu den ursprünglichen Demos.“ Das Ergebnis ist ein Album, das atmet und die Texturen der 70er-Jahre – im Stile der legendären Old Grey Whistle Test-Sessions – heraufbeschwört. Man denkt unwillkürlich an von der Decke hängende Studiomikrofone und goldenen Cord.
Musikalische Einflüsse und Gitarrensound
Während die Platte in der Wärme der US-Westküste badet, finden sich auf dem Griffbrett Einflüsse ganz anderer Art. Rowleys Bewunderung für Thin Lizzy – speziell die Energie von Live and Dangerous und das komplexe Storytelling von Black Rose – ist fest in die instrumentale DNA des Albums eingewoben. Man hört es in den Leads, die das Noir-lastige „EL CHAPO“ definieren, und in der rhythmischen Übersetzung von „Breakdown“. Es ist keine oberflächliche Kopie, sondern eine Übersetzung klassischer Twin-Guitar-Harmonien und keltischer Melodik in seine eigene, nordenglische Härte.
Autobiografisches und abstraktes Songwriting
Das Album pendelt elegant zwischen dem, was Rowley als „direkte Autobiografie“ bezeichnet, und einem eher „abstrakten“ Storytelling. „Es gibt von beidem etwas auf dem Album“, erklärt er. „Songs wie ‚Tell Me What You Want‘, ‚Something Strange‘ und ‚The Struggle‘ sind definitiv autobiografisch und sehr unverblümt.“
In diesen Momenten ist die Lyrik erschreckend direkt und handelt von Verlangen, Schmerz und dem bleiernen Gefühl, „langsam unterzugehen“. In „The Struggle“ zeigt Rowley eine rohe, selbstironische Ehrlichkeit, die die Produktion durchbricht, wenn er singt: „I should have warned you... I can be such a miserable f****“. Es ist eine Zeile, die die Reibung und Müdigkeit eines Lebens im professionellen Windschatten anderer einfängt.
Im Gegensatz dazu nehmen Tracks wie „Vegas in the Snow“ und „Rite Time“ einen surrealistischen Ton an. Bevolkert von Charakteren wie dem „Wolf Man“ und dem „Mess Monster“, zeichnen sie ein lebhaftes Bild von „Glamour... gefiltert durch den Nieselregen von Sheffield“. Durch diese duale Herangehensweise erschafft Rowley Welten, in denen sich die Perspektive verschiebt, was es ihm ermöglicht, die Wahrheit indirekt auszusprechen, ohne das emotionale Gewicht zu verlieren.
Motive und ästhetische Kontraste
Ein wiederkehrendes Motiv auf der Platte ist die „Hitze“. Das Wort erscheint wie ein Mantra in Titeln wie „Breakdown“ und dem von 70er-Jahre-Krimis inspirierten „EL CHAPO“, den Rowley als ein Stück mit Noir-Ästhetik beschreibt, definiert durch analoge Wärme und lyrische Kälte.
Dieser Intensität steht oft die verzweifelte Suche nach Linderung gegenüber, am deutlichsten in „Ice Cubes“: „I like it hot but this is too much. Pass me the ice cubes.“ Es ist der Sound einer sensorischen Überreizung – das kalifornische Licht wird zu grell, der Hollywood-Schimmer zu glühend, um ihn noch zu ertragen.
Identität und regionale Wurzeln
Trotz der transatlantischen Einflüsse bleibt Rowleys Herkunft sein fester Anker. Während der Rest der Industrie regionale Akzente versteckt oder glättet, um sie für den Massenkonsum tauglicher zu machen, bleibt Rowleys Vortrag völlig kompromisslos. „Ich glaube wirklich nicht, dass ich anders singen könnte“, betont er. „Selbst wenn ich Songs von anderen Leuten singe, falle ich meistens in den Sheffield-Akzent zurück.“
Diese Weigerung, seine Identität zu sterilisieren, macht Moses and the Drones so authentisch. Das Album schließt mit „The Night“, einem Track, der eine tiefe, existenzielle Erschöpfung einfängt. Während die Nacht „davonkriecht wie ein lang verlorener Freund“, scheint Rowley inmitten der „Kommunikationszusammenbrüche“ und „gekreuzten Leitungen“ der vorangegangenen Songs einen Moment des Friedens zu finden.
Moses and the Drones markiert das definitive Ende von Rowleys Zeit im Hintergrund. Es ist der Sound eines Musikers, der endlich die Bühne einnimmt, die er jahrelang mit anderen geteilt hat.
Moses and the Drones ist ab sofort auf allen Streaming-Plattformen verfügbar.
– Shelley D. Schwartz
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